Wenn wir uns mit der Ruhe beschäftigen, denken die meisten wohl an Stille. Keine störenden Geräusche, kein Lärm, der uns ablenkt. Doch Ruhe ist weit mehr als die bloße Abwesenheit von Tönen, genau wie Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit.

Ruhe ist eine Atmosphäre, in der wir entspannen, zu uns kommen und unsere Energien aufladen können. Das zeigt auch schon die Herkunft des Wortes aus dem Germanischen: rowo, welches sich wiederum vom indogermanischen Wort era ableitet. Und era bedeutet so viel wie “ruhen lassen”. Wir alle brauchen Ruhe, um uns zu regenerieren – so ist auch der Schlaf nichts anderes als Ruhe, während wir unser Bewusstsein herunterfahren. Auch im Alltag wünschen sich viele Menschen Ruhe und meinen damit einen Abstand zu einer lauten Welt.

 

Es besteht eine enge Verquickung von Ruhe und Stille und doch ist es nicht dasselbe. Stille ist völlige Geräuschlosigkeit. Bei Ruhe hingegen kann durchaus ein Hintergrundrauschen existieren. Um Ruhe zu finden, ist eine bestimmte Geräuschkulisse sogar erwünscht (z. B. bei Walgesängen auf CD, einem knisternden Feuer, einem Schlaflied). Stille kann jedoch der begünstigende Umstand für innere Ruhe sein. Nicht ohne Grund laufen Zen-Meditationen in absoluter Stille ab. Nichts soll den Meditierenden stören. Doch ist diese Stille keineswegs mit Leere zu verwechseln. Mithilfe der Stille können wir Ruhe finden.

Stille ist im Leben vieler Menschen heutzutage zu einem seltenen Zustand geworden. Im Großraumbüro klingeln die Telefone, am Abend schreien die Kinder und am Wochenende schallt die Musik laut in der Bar. Selbst in den eigenen vier Wänden herrscht dank der Straße vor dem Haus oder dem Fernseher im Wohnzimmer so gut wie nie Ruhe. Irgendwelche Geräusche gibt es immer, manchmal sogar regelrecht Lärm. Kollegen, Nachbarn, Autos, Züge, Flugzeuge, Baustellen, Laubbläser, Rasenmäher – alles Lärmquellen. Und nervige oft dazu. Zumal der Hörsinn von uns nicht bewusst beeinflussbar oder abschaltbar ist und man sich daher auch an Lärm nie gewöhnen kann. Auch wenn man ihn mit der Zeit vielleicht weniger bewusst wahrnimmt, stört er dennoch.

 

Wann hast Du das letzte Mal ein paar Minuten oder sogar Stunden in absoluter Stille verbracht – alleine, ohne Beschäftigung oder digitale Bespaßung? Vermutlich war das, wenn überhaupt, im letzten Urlaub. Doch sogar in der Freizeit meiden mittlerweile die meisten Menschen die Stille. Sie ertragen diese nicht mehr. Dabei wäre sie eigentlich in vielerlei Hinsicht wichtig.

Früher war es normal, dass in der Nacht und manchmal auch tagsüber absolute Ruhe herrschte. Vielleicht hat mal ein Vogel gesungen oder ein Gewitter hat die friedliche Stille der Natur erschüttert, doch alles in allem war Ruhe der Normalzustand – und alles andere die Ausnahme. Heutzutage ist das genau umgekehrt. Die meisten Menschen leben in einem ständigen Geräuschpegel. Immer mehr Betroffene bemerken das überhaupt nicht. Sie haben sich an den Lärm und den unterschwelligen Stress gewöhnt. Viele Menschen ertragen die Stille überhaupt nicht mehr. Sie meiden diese also bewusst. Lärm ist Ablenkung. Wenn man tagsüber im Großraumbüro von klingelnden Telefonen, dem neuesten Klatsch und Tratsch sowie dem Klappern der Tastatur überrannt werden und sich zugleich noch auf die Arbeit konzentrieren muss, kommt man nicht zum Nachdenken. Ebenso, wenn am Abend die Kinder von ihrem Schultag erzählen, anschließend der Fernseher einschaltet wird und man sich am Morgen direkt wieder durch das Radio beschallen lässt. Denn wenn die Menschen zum Nachdenken kämen, würden viele Menschen merken, dass sie in Wahrheit mit ihrem Leben alles andere als glücklich sind, dass sie vielleicht an ihren eigentlichen Träumen, Wünschen und Werten vorbeileben, ihre grundlegenden Bedürfnisse zurückstellen oder sich vollkommen verloren fühlen. Dass sie Angst spüren, Schmerz und Trauer. All diese unangenehmen Emotionen sowie Gedanken lassen sich durch ständige Aktivität verdrängen – durch einen übertriebenen Aktionismus beispielsweise oder eben andauernden Lärm.

 

Beobachte Dein Umfeld, wer heute noch die Stille erträgt… Stattdessen stopfen wir uns Kopfhörer ins Ohr, schalten den Fernseher oder das Radio an oder nesteln an unseren Smartphones. Besonders deutlich wird das in Meetings oder an gemeinsamen Abenden: Plötzlich herrscht Schweigen – und kaum jemand hält das aus. Die Stille – sie schreit manche geradezu an und nötig uns, etwas zu sagen. Manchmal Sinnvolles, oft Bullshit – Hauptsache, die (peinliche) Stille ist weg. Dabei wissen wir es eigentlich besser. Die Konzepte von Stiller Zeit am Morgen oder Meditation sind alles andere als neu, ihre positiven Wirkungen – über die Selbstwahrnehmung und Selbstregulation hinaus – dafür umso erwiesener.

 

Ständiger Lärm führt also zu andauerndem Stress mit all seinen negativen Konsequenzen für Kreativität, Konzentration, Fehleranfälligkeit, Gesundheit und Schlafqualität. Der Lärm begünstigt demnach ein Burnout-Syndrom sowie weitere stressbedingte psychische und physische Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Migräne, Verdauungsstörungen, Rückenschmerzen und Depressionen. Absolute Ruhe ist heutzutage gerade deshalb so wichtig, weil sie zu einem seltenen Gut geworden ist. Stille bedeutet Urlaub für das Gehirn und damit auch für den stressgeplagten Körper. Stille sollte ein fester Bestandteil des Lebens werden – und nicht eine einmalige Abwechslung zum üblichen Partyurlaub. Stille wirkt sich positiv auf das Gehirn aus. Nur, wenn Du Dich regelmäßig der absoluten Stille aussetzt, kannst Du von den zahlreichen positiven Konsequenzen profitieren. Laut einer Studie der WHO aus dem Jahr 2011 handelt es sich bei der Lärmbelästigung um eine der größten Gesundheitsgefahren unserer modernen Gesellschaft – eine regelrechte Plage, um wörtlich zu zitieren. Stille ist dabei das einzig wirksame Gegenmittel und das bringt deutlich mehr positive Effekte mit sich, als man vielleicht vermuten würde. Absolute Ruhe ist wie Urlaub für das Gehirn. Stille wirkt sich also direkt positiv auf das Gehirn aus und damit auch auf die psychische sowie physische Gesundheit:

 

Stille reduziert die Stresshormone

Durch kleinste Geräusche, die eine „Gefahr“ darstellen könnten, werden die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin sowie Cortisol ausgeschüttet. Das Nervensystem befindet sich durch den Dauerlärm also in ständiger Alarmbereitschaft. Das ist nicht nur anstrengend, sondern auf lange Sicht eine echte Belastung für die Gesundheit. Regelmäßige Auszeiten in der Stille helfen dabei, den Pegel der Stresshormone im Körper wieder zu senken und dadurch überhaupt zu wahrer Entspannung in der Lage zu sein. Nur so kann man die Ressourcen wieder aufladen, um die nächste stressige Phase zu überstehen. Ansonsten brennt man immer weiter aus – schlimmstenfalls bis zum Burnout-Syndrom. Bei einer Studie aus dem Jahr 2006 kam etwa heraus: Schon zwei Minuten absoluter Stille wirken Blutdruck senkend und beruhigender als Entspannungsmusik zu lauschen.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1860846/

 

Stille fördert die physische Gesundheit

Ruhe reinigt den Körper also von den Stresshormonen und entlasten ihn. Die Stresshormone sowie ihre ungesunden Nebenprodukte wie Blutfett oder Zucker werden abgebaut und damit der gesamte Organismus gereinigt. Stille ist daher wichtig für die körperliche Gesundheit. Sie kann stressbedingte Folgeerkrankungen wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall präventiv verhindern und dadurch das Leben retten. Sie steigert zudem das Wohlbefinden und verringert stressbedingte Beschwerden wie Verdauungsstörungen, Rückenschmerzen, Schlafprobleme, Migräne & Co.

 

Stille erlaubt Selbstreflexion

Stille ist also nicht nur für die physische, sondern auch für die psychische Gesundheit essentiell. Sie erlaubt, in die Selbstreflexion zu gehen, zu sich selbst und damit auch zum Glück zu finden. Nur in der Ruhe können negative Erlebnisse verarbeitet werden, alte Glaubenssätze aufgelöst und neue Träume oder Ziele gefunden werden. Man kann seinen Gedanken nachhängen, in Tagträumen versinken oder Lösungen für Probleme finden. Was auch immer man mit der Ruhe anfangen möchten: Sie ist der Schlüssel zur Selbstreflexion und damit auch zum wahren Glück. Stille erlaubt, herauszufinden, wer man ist, was man will und was man an seiner aktuellen Lebenssituation ändern muss. Genau deshalb haben so viele Menschen aber auch Angst vor der Ruhe: Sie deckt auf, was aktuell schiefläuft, man muss sich Fehler eingestehen, Verluste verarbeiten und sich Ängsten stellen.

 

Stille erhöht die Auffassungsgabe

Das Gehirn ist wie ein Blumentopf. Jede Pflanze braucht Wasser. Doch wenn man zu viel Wasser auf einmal hineingießt, wird der Topf überlaufen. Man muss stattdessen warten, bis das Wasser versickert ist. Nur so kann Nachschub eingegossen werden und die Pflanze in voller Pracht erblühen. Auch die Informationen sowie Geräusche, welche man Tag für Tag aufnimmt, füllen das Gehirn nach und nach. Es braucht Zeit und Stille, um diese verarbeiten und dadurch Raum für neue Informationen schaffen zu können.Ohne Ruhe sind die Ressourcen bald ausgeschöpft. Der Kopf fühlt sich voll an, man ist erschöpft, gestresst und überlastet. Stille ist also der „Gärtner“ des Gehirns. Sie entfernt Altlasten und schafft dadurch Raum – damit man frisch, aufnahmefähig sowie voller Energie in den nächsten (Arbeits-) Tag starten kann.

 

Stille fördert die Konzentration

Mit frischen Ressourcen kann man sich anschließend auch wieder besser konzentrieren. Zudem gibt es in einer ruhigen Umgebung natürlich deutlich weniger Ablenkung als beispielsweise im Großraumbüro mit klingelnden Telefonen, tratschenden Kollegen und klackernden Tastaturen. Stille aktiviert das sogenannte „Default Mode Netzwerk“ im Gehirn. Das bedeutet, dass Hirnregionen aktiv werden können, welche bei einer Ablenkung durch Geräusche „besetzt“ sind. In der Stille hat man also Zugriff auf mehr Gehirnareale und kann dadurch nicht nur konzentrierter, sondern auch besser arbeiten.

 

Stille lässt das Gehirn wachsen

Durch Stille werden nicht nur mehr Areale frei. Stattdessen konnten Forscher im Jahr 2013 im Rahmen ihrer Studie „Is silence golden? Effects of auditory stimuli and their absence on adult hippocampal neurogenesis“ https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4087081/ herausfinden, dass bei täglicher Stille neue Zellen in der Gehirnregion des Hippocampus wachsen – also in dem Areal, das für das Gedächtnis und die Lernfähigkeit verantwortlich ist.

 

Stille macht kreativ

Die Hirnforschung kennt inzwischen das sogenannte Default Mode Network (auch Ruhezustandsnetzwerk genannt). Hinter dem kryptischen Begriff verbergen sich bestimmte Hirnregionen, die vor allem dann aktiv werden, unser Gehirn gerade nicht viel zu tun hat und nicht sonderlich durch äußerliche Reize stimuliert wird.

 

Es ist wie beim Tagträumen: Wir können dann nicht nur unseren Gedanken beim Wandern und Verklären zusehen – diese bilden auch ständig neue Verknüpfungen. Oder kurz: Wir werden kreativ. Wer dringend eine Lösung sucht, sollte sich genau NICHT darauf konzentrieren, rät zum Beispiel auch der Hirnforscher Andreas Fink. Mithilfe von Hirnscans konnte er zeigen, dass ein langsamer Hirnrhythmus für kreative Prozesse wichtiger ist. Sogenannte Alphawellen ließen sich vor allem bei Menschen während eines Tagtraumes messen, in diesem Zustand war ihre Erinnerungs- und Lernfähigkeit besonders erhöht.

 

Aber auch so bieten stille Zeiten genug Raum, um sich kreativ mit anstehenden Aufgaben und deren Lösung auseinander zu setzen: Während des Abschweifens sammelt unser Geist unwillkürlich Millionen Informationen, die er neu verknüpfen kann – und heraus kommt dabei meist eine neue und kreative Idee.